Was ist eigentlich das Graves Values System Model?

Immer wieder hört und liest man von einem sehr spannenden und faszinierenden Modell, das unter den Titeln „Graves Modell“ oder „Spiral Dynamics“ auftaucht. Manchmal im Business-Kontext,  macnmal im rein psychologischen und manchmal auch in einem eher spirituellen Bereich. Aber was verbirgt sich wirklich dahinter?


Bereits 2002 erschien dieser hier etwas gekürzte und überarbeitete Fachartikel von Bert Feustel. Er gibt einen wunderbaren überblick über das Modell.


Entwickler des Modells war Clare Graves, Professor für Psychologie am Union College in Schenectady, New York. Sein ursprünglicher Plan in den 1960er Jahren war, das Modell der Bedürfnishierarchie von Abraham Maslow durch verschiedene empirische Studien zu bestätigen.

Die Maslowsche Bedürfnispyramide geht davon aus, dass man nacheinander und in einer festgelegten Reihenfolge bestimmte Bedürfnisse befriedigen muss, damit neue Bedürfnisse entstehen und befriedigt werden können. So muss man z.B. zunächst den Sicherheitsbedürfnissen (wie Gesundheit, Arbeit, Wohnung) gerecht werden, um dann die sozialen Bedürfnisse (wie Freundschaft, Liebe, Geborgenheit) befriedigen zu können. Bei seinen Forschungen entdeckte Graves, dass sich das Modell jedoch nicht ohne weiteres bestätigen ließ (es gab auf den oberen Stufen zu viele Unterschiede), und experimentierte hier immer weiter.


Im Laufe der Jahre wurde daraus etwas viel Umfassenderes und Komplexeres geschaffen, das nun weit über die bekannten entwicklungspsychologischen Modelle hinausgeht. Graves nannte es ein „evolutionäres Bio-Psycho-Soziales-Doppel-Helix-Modell". Dieser etwas komplizierte Namen erklärt sehr gut das Wesen dieses Konzeptes (weiter unten).


Was ist also das GVS?
Kurz beschreiben lässt sich das GVS als ein psychologisches Modell über die (Weiter-)Entwicklung von verschiedenen aufeinander aufbauenden Wertesystemen. Derzeit existieren acht dieser Wertsysteme oder Ebenen, jedoch geht man davon aus - und wartet sogar mit Spannung darauf -, dass ein neuntes Wertesystem entstehen wird. Graves betonte dabei immer, dass alle Ebenen gleichwertig sind, dass es keine bessere oder schlechtere gibt.


Jedes Wertsystem bzw. jede Ebene entwickelt sich aus dem gegenseitigen Zusammenwirken von bestimmten Lebensumständen und Problemen sowie der dazugehörigen Lösungsstrategie (Coping-Mechanismus).Mit den Veränderungen von Lösungsstrategien können andere, neue Anforderungen bewältigt werden und umgekehrt: Neue Anforderungen erfordern neue Lösungsstrategien.


Das Evolutionäre am GVS
Je nachdem, wann in der Geschichte der Menschheit, in welchem Teil der Erde, unter welchen soziologischen und psychologischen Bedingungen usw. ein Mensch lebt, befindet er sich in seiner spezifischen Umwelt (mit den dazugehörigen Problemen), auf die er mit seinen vorhandenen Coping-Mechanismen reagiert und in der er agiert.


Dennoch bleibt der Mensch nicht zwangsläufig auf einer Ebene stehen. Immer dann, wenn alle Probleme der Umwelt gelöst sind, für neu entstandene Probleme die bisherigen Lösungsstrategien nicht mehr ausreichen oder sich die Umwelt so verändert hat, dass die bisherigen Mechanismen nicht mehr greifen, entsteht die Notwendigkeit zur Veränderung.


Nach der Krise kann auf der Grundlage des bisherigen ein neues System aus Umwelt/Problem und Lösungsstrategien entstehen. In diesem Sinne ist das GVS ein evolutionäres System.


Ein Mensch, der auf einer bestimmten Ebene des GVS denkt und handelt, hat die vorangegangenen Ebenen bereits durchlaufen und trägt diese in sich. Die dort erworbenen Denkstrukturen können, wenn sich die Umwelt - beziehungsweise die dargebotenen Probleme - verändern, wieder reaktiviert werden. Dementsprechend wird das GVS auch als Modell von unterschiedlichen Problemlösungsstrategien schrieben.


Das Biologische am GVS
Der biologische Aspekt liegt zum einen in den lebenden Orgarrismen, nämlich uns Menschen, die die Grundbausteine des Modells darstellen, zum anderen sind biologische Größen, wie z.B. die Kapazität von Gehirnen, Komplexität zu verarbeiten, aber auch Emotionen, Instinkte, Bedürfnisse und Triebe entscheidende Faktoren.


Das Psychologisch-Soziologische am GVS
Nicht nur das, was im Kopf einer Person abläuft oder wie sie sich verhält, sondern auch das Zusammenspiel mit anderen Menschen und das Bilden größerer Strukturen umfasst das GVS. So wird das GVS auch in organisatorischen und sogar politischen Konfliktfällen sehr erfolgreich eingesetzt und bietet Erklärungen für soziale Phänomene (so wurde z.B. das GVS bei der Abschaffung der Apartheid in Südafrika von den Verhandlungsführern verwendet).


Die Doppel-Helix
Graves narmte das Modell deswegen eine Doppel-Helix, weil sich 2 Elemente (die Umwelt/das Problem und die Reaktioner/Coping-Mechanismen gegenüber stehen und spiralförmig entwickeln. Daher findet man in verschiedenen Veröffentlichungen immer wieder das bunt eingefärbte Schneckenhaus.


Einsatzmöglichkeiten und Anwendungen des GVS
Aufgrund seiner tiefgehenden Komplexität und zugleich seiner Praxisorientierung gibt es sehr viele Bereiche, in denen das GVS Modell erfolgreich eingesetzt wird: im Konfliktmanagement, im Change Management, bei Verhandlungsshategien, Fu- sionsbegleitungen, Mitarbeiterentwicklung, Persönlichkeitsentwicklung - kurz gesagt: im Coaching und in der Beratung, hier vor allem auf höherer Ebene.


Das GVS lernen
Wer mit dem GVS in der Beratung - ganz egal, ob im Therapie- oder Business-Kontext -  arbeiten möchte, sollte drei Dinge beherrschen: Erstens das Wesen des Modells von Grund auf verstehen, zweitens die Zugehörigkeiten zu den verschiedenen Wertsystemen der beteiligten Personen oder Organisationen diagnostizieren können und drittens elegante und angemessene Interventionen einleiten können, d.h. die Wertsysteme pacen und integrieren bzw. von einem Wertsystem ins nächste führen oder die richtigen Partner zusammenbringen.


Das Modell kann in einer Seminar-Trilogie von Grund auf gelernt werden. Bert Feustel arbeitet seit über 20 Jahren mit dem Modell, hat es zusammen mit Dr. Wyatt Woodsmall in Beziehung zu NLP gebracht und in einigen Punkten weiter entwickelt. Er wendet es im Coaching an und hat viel Erfahrung im Changemanangement mit dem GVS gesammelt und es immer weiter optimiert.


Die GVS-Trilogie besteht aus dem Basis-Modul, wo es um das Erfassen und Verstehen des Modells geht, dem Advanced-Modul, in dem das Diagnostizieren und Intervenieren im Vordergrund steht und wer in der Beratung mit dem GVS arbeiten möchte, kann die GVS-Consultant Ausbildung noch dranhängen.


Danke fürs Teilen :-)

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Kommentare: 2
  • #1

    Andreas Hoffmann (Sonntag, 14 Juni 2015 17:37)

    Die GVS Kurse bei Bert kann ich empfehlen, muss aber warnen: GVS hat meine Sicht auf die Welt verändert und das GVS-Fieber bekomm ich auch nicht mehr los.

    Zum Thema GVS experimentiere ich derzeit an einem Blog und lade interessierte zum anschauen, mitmachen und Feedback ein. Ziel ist es in diesem Blog, bestimmte Themen, Zeitgeschehnisse etc. in Relation mit den Ebenen des Graves Value System zu bringen. zeytreyse.blogspot.de.

  • #2

    Iris Komarek (Montag, 15 Juni 2015 23:36)

    Lieber Andreas,
    das finden wir eine ganz tolle Idee ... so einen Graves-Spezial-Blog. Lass es uns wissen oder poste es hier, wenn er online ist!!
    viele Grüße,
    Iris