Selbstverantwortlich lernen mit dem Waterline-Prinzip

Vor zwei Wochen hatte ich ein Elterncoaching mit einer sehr genervten Mutter, die im ständigen Konflikt mit ihrem Sohn darüber steht, wie selbständig er beim Lernen sein soll oder sein darf. Nachdem dies ein immer wiederkehrendes Thema im Coaching ist, habe ich es hier im BLOG-Artikel aufgegriffen - mit der ausdrücklichen Einladung zum Nachmachen.

 

Überall wird man als Eltern (oft mit erhobenem Zeigefinger) darauf aufmerksam gemacht, wie ungemein wichtig es ist, dass die Kinder eigenverantwortlich und selbständig ihre Hausaufgaben und Prüfungs-Vorbereitungen machen, also die Verantwortung für das Lernen selbst übernehmen. Die Einsicht bei den Eltern ist in aller Regel da, aber konkrete Unterstützung bei diesem Loslassens-Prozess (der ganz schön schwer sein kann) fehlt oftmals. Dabei gibt es ein ganz einfaches und zugleich äußerst wirkungsvolles Instrument, welches hier eingesetzt werden kann:

das Waterline-Prinzip. Es ist eine Methode, die ursprünglich aus dem Führungskräfte-Coaching kommt, die ich aber nicht nur bei Teamleadern, sondern auch mit Eltern mache - denn sind Eltern nicht auch irgendwie Führungskräfte? Das, was uns meistens davon abhält, Verantwortung zu übertragen, ist die Sorge, dass etwas schiefläuft, was nicht mehr reparabel ist.


Genau so war es bei der oben erwähnten Mutter: sie klagte, dass sie ja schon mehrmals versucht hätte, ihren Sohn alleine machen zu lassen. Sich nicht einzumischen, wann er Hausaufgaben macht und wie er sich auf Prüfungen vorbereitet. Und prompt passierte das, was sie sich schon gedacht hat: er machte gar nichts und schrieb schlechte Noten. Also wechselte sie wieder zum alten System, welches mit ständigem Stress und Streit einhergeht und die Mutter-Sohn-Beziehung erheblich belastet. Schule und Lernen hat sich als ungemütlicher und ständiger Begleiter in das Familienleben eingenistet. Das soll sich zum neuen Schuljahr jedoch ändern.


Wie wir im Coaching vorgingen:

Zuerst legten wir alles auf den Tisch, was so typische Streitthemen in dem Rahmen Selbstverantwortung sind und schrieben sie auf Moderationskarten bzw. PostIts: da lagen u.a. "Hausaufgaben machen", "zusätzliches Lernen", "Prüfungsvorbereitung", "Zu Bett gehen wenn am nächsten Tag Schule ist", "Freunde treffen in intensiven Lernphasen", "Häufiges Krankmachen" ... vor uns. Alleine dieser Schritt erleichterte die Mutter, weil es sich nun um ganz konkrete Punkte handelte, an denen gearbeitet werden kann.

 

Zuerst das Ziel klären

Ihr Ziel war, dass sie gar nicht mehr ihrem Sohn auf die Füße treten muss, sondern dass er all diese Dinge von alleine und gut macht. Wer in diesem Kontext so ein Ziel formuliert, wird immer scheitern. Denn erstens bezieht sich das Ziel nicht auf sich selbst, sondern auf ihren Sohn - und Veränderung von anderen Menschen funktioniert nie gut :-). Zweitens vergisst sie, dass ihr Sohn noch ein Kind bzw. Heranwachsender ist, der nicht sofort perfekt funktionieren wird.

Also formulierte sie ihr Ziel um: "Ich möchte meinen Sohn darin unterstützen, selbständig zu werden, und ich möchte lernen, Verantwortung für das Lernen an ihn zu übertragen."

 

Die Metapher des Waterline-Prinzips:

Ein äußerst nützliches Tool um diese Ziele zu erreichen, ist das Waterline-Prinzip. Es bedient sich der Metapher des Schiffes auf dem Meer: Ein Teil des Schiffes liegt oberhalb der Wasseroberfläche, ein anderer Teil liegt darunter. Der Grundgedanke ist nun, dass Löcher im Rumpf im Wasser, das Schiff zum Sinken bringen können. Löcher oder sonstige Schäden oberhalb des Wassers vielleicht ärgerlich sind, aber nicht zum Untergang führen.

 

Definieren, was das Sinken bedeutet:
Was also ist das Sinken auf das Coaching-Thema übertragen: z.B. das Schuljahr nicht schaffen, von der Schule fliegen, keinen Abschluss machen können ... . Nachdem dies definiert ist, geht es nun darum, die Streitthemen zuzuordnen: liegt es oberhalb oder unterhalb oder um die Wasserlinie herum. Hier zählt nur die Einschätzung der Mutter - nicht meine.

 

Einordnung der Themen auf dem Schiff:

So landeten sofort "Zu Bett gehen" und "Freunde treffen" weit oberhalb der Wasserlinie, die Themen "Hausaufgaben machen" und "Prüfungsvorbereitung" um die Wasserlinie herum und "Häufiges Krankmachen" klar unterhalb. Was bedeutet, dass die Mutter ihrem Sohn die Bettgehzeiten vollkommen selbst überlässt und auch keine Vorgaben mehr für das Freunde-Treffen macht. Ein Bereich, in dem er ab jetzt absolut selbständig entscheiden kann, selbst wenn er zu Beginn womöglich schwer aus dem Bett kommt oder - aus ihrer Sicht - "ständig" mit seinen Freunden rumhängt. Hier ist keine Gefahr des Sinkens des Schiffes.

 

Bei Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitung kommt es ein bisschen auf das Wetter und auf die Gewässer an. Ist bei bestimmten Fächern eine Gefährdung? Es stellte sich heraus, dass eigentlich nur in Latein immer wieder dunkle Wolken am Himmel sind: es könnte - wenn es ganz blöd läuft -  eine 5 im Zeugnis stehen. Alle anderen Fächer bleiben mindestens im guten 3er oder 4er Bereich. Hier kann er eigenverantwortlich agieren.

 

Beim Fach Latein wollen Mutter und Sohn zusammen überlegen, wie ER dieses Fach in den gesicherten Bereich hieven kann und welche Unterstützung  er von wem wie braucht. Den Fortschritt auf diesem Weg möchte die Mutter zunächst eng begleiten, dann mehr und mehr loslassen.

 

Und beim "Krankmachen" gibt es überhaupt keine Diskussion - das gibt es nicht. Punktum.

 

Das eigene Waterline-Modell abgleichen mit dem des Kindes

Die Mutter war am Ende der Sitzung sehr erleichtert: eigentlich ist nur das Fach Latein es wert, den Sohn zu unterstützen, seinen Weg zur Eigenverantwortung zu finden. Auch wenn das immer wieder mal zu einem Streitthema wird. Und alles andere kann sie übertragen, denn selbst wenn Fehler passieren, wird das Schiff nicht untergehen. Das nimmt sehr viel Angst und Druck von der Mutter.

 

Zu Hause stellte sie ihrem Jungen das Waterline-Prinzip vor und erstaunlicherweise war der Sohn mit der Zuschreibung total einverstanden. Sie verabreden, alle paar Monate zu schauen, ob die Themen noch richtig liegen bzw. wie neue Themen einzuordnen sind.

 

Gestern erzählte sie mir, dass sie das Schiff und mittlerweile alle möglichen Themen am Kühlschrank hängen haben und sie darüber einen wunderbaren Weg gefunden haben, Streitpunkte gut zu verhandeln.

 

Das freut mich.

 

Danke für's Teilen :-)!

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