BiblioCoaching - Literatur im Coaching nutzen

Es ist etwa auf Seite 230 des wunderbaren Romans von C. N. Adichie „Die Hälfte der Sonne“ als ich kurz innehalte, weil meine Gedanken plötzlich ganz woanders sind. Ich habe unvermittelt eine Idee gewonnen für ein berufliches Thema, mit dem ich mich seit ein paar Wochen beschäftige. Nichts Weltbewegendes und dennoch etwas, für das ich noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden hatte. Bis jetzt.

In dem o.g. Roman geht es im wesentlichen um das Erleben des nigerianischen Bürgerkrieges in den 1960er Jahren, aus 4 verschiedenen Perspektiven geschrieben. Es war nur ein kurzer Dialog zwischen der Protagonistin und ihrer Nachbarin. Und plötzlich war meine Lösung da. Was ist hier passiert?

An Unerledigtem arbeitet das Gehirn immer weiter - meist auf unbewusster Ebene. Es möchte Themen, Gedanken, Fragestellungen gerne abschließen und sucht daher permanent nach Möglichkeiten, dies tun zu können. Es scannt die Umgebung ab, ob hier Lösungen lauern. Ohne dass wir davon bewusst etwas mitkriegen.

In diesem Falle war so eine äußere Anregung ein Satz in dem Buch. Mein Gehirn hat dabei in irgendeiner Weise eine Ähnlichkeit zu meiner Fragestellung entdeckt und mich angestupst. Mir signalisiert, dass es sich lohnt, hier auch bewusst darüber nachzudenken.

Dieses Aufspüren von Analogien in der Literatur zum eigenen Thema wird in der Psychotherapie bereits gezielt eingesetzt und trägt den Namen BiblioTherapie. Patienten bekommen je nach Problem eine Auswahl an Büchern, die sie lesen sollen und auf diese Weise kreativ angeregt werden, auf eigene Lösungen zu kommen.

Während im therapeutischen Kontext üblicherweise bestimmte Bücher empfohlen werden (z.B. von Boris Vian „Der Schaum der Tage“ für Krebspatienten), halte ich das im Coaching für nicht notwendig. Das Gehirn ist in der Lage selbst aus Comics oder „seichter“ Literatur Beziehungen zum eigenen Thema herzustellen. Oft sind es eben nur einzelne Sätze, die einen Denkanstoß auslösen und nicht eine komplexe Geschichte.

Viel wichtiger ist, diese Meldung des Unbewussten an das Bewusste überhaupt wahrzunehmen und zu nutzen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich das Abschweifen sehr oft als Unkonzentriertheit abgetan habe, statt einen zweiten Blick darauf zu werfen. Erst als ich über die BiblioTherapie gestolpert bin, habe ich begriffen, was mir das Unbewusste Gutes tun wollte - und nehme es nun dankend an.

Im Grunde reiht sich diese Technik in die von Milton Erickson entwickelten hypnotherapeutischen Methoden ein: Er schickte z.B. seine Patienten oft auf einen Berg in Phoenix (wo er tätig war) mit dem Auftrag mit offenen Augen und Ohren hinaufzuwandern und zu registrieren, wenn dabei eine Lösungsidee auftaucht. Oder der sogenannte Hopi-Walk, wo man mit einer Fragestellung im Kopf in die Natur geht und darauf vertraut, dass man eine Antwort durch die Eindrücke von außen bekommt.

Bei all diesen Methoden wird die Assoziationsfähigkeit des Gehirns und die Kreativität des Unbewussten genutzt. Literatur liefert so vielfältige Lebenswelten, Szenarien und Sichtweisen auf dem Silbertablett, dass sie sich hierfür bestens eignet.

Wie kann BiblioCoaching konkret eingesetzt werden?

  • als Selbstcoaching-Tool: vor dem Lesen noch einmal die Fragestellung konkret formulieren, in das Buch abtauchen und sich freuen, wenn eine Lösung kommt. Wenn nicht, auch egal, denn das Lesevergnügen steht nach wie vor im Vordergrund.
  • als Coaching-Tool: dem Klienten aufgrund der Coaching-Arbeit den Auftrag geben, vor dem Lesen eines Buches das Anliegen bewusst zu machen und dann darauf zu achten, wo er kurz stockt und abschweift, um dann festzustellen, ob es eine Brücke zum Thema gibt. Auch hier gilt: wenn eine Idee auftaucht, wunderbar! Wenn nicht, dann hat man sich einfach ein paar schöne Stunden gegönnt.

 

Und gerade eben habe ich für den Übergang von Urlaub in den Alltag (der mir oft eher schwer fällt) in dem Buch „Der erste Tag meines restlichen Lebens“ von L. Marone auf den Seiten 203 bis 206 sehr tolle Anregungen für eine innere Haltung erhalten - wer es liest, wird wissen, was ich meine.

Zum Schluss noch eine Auswahl aus meiner Urlaubs-Literatur:
M. Lunde: Die Geschichte der Bienen
K. Minato: Geständnisse
S. Ahava: Dinge, die vom Himmel fallen
J. Otsuka: Wovon wir träumten
K. Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
M. Wolitzer: Die Ehefrau
C. Ng: Was ich Euch nicht erzählte
C.N. Adichie: Die Hälfte der Sonne
L. Marone: Der erste Tag vom Rest meines Lebens

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