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Learning in Public: unter Beobachtung lernen - was bringt das?

 

 

Jelena hat als Medizinstudentin ein gewaltiges Lernpensum zu bewältigen. Mindestens 10 Stunden täglich, und das seit Monaten. 

 

Ihr Geheimnis für diese Disziplin? Sie lernt öffentlich.

 

Wenn sie am Schreibtisch sitzt, wenn sie laut wiederholt, wenn sie verzweifelt ist oder ein Chakka-Erlebnis hat - dabei können ihr zeitweise ein paar hundert fremde Menschen zuschauen. Wtf?! 

 

Jelena hat den gar nicht so neuen Trend von "learning in public" für sich entdeckt und ist überzeugt: anders würde sie das alles gar nicht schaffen.

 

Was ist "learning in public?"

Es ist das Gegenteil vom Lernen im stillen Kämmerlein ohne dass es jemand mitbekommt. 

 

Öffentliches Lernen hat viele Facetten je nachdem, was wir dadurch erreichen wollen. Ob wir uns nur beim Lernen zeigen oder ob wir soziale Kontrolle nutzen oder ob wir in Interaktion mit anderen treten wollen. 

Lernen unter Beobachtung ohne Interaktion

Wenn man sich beim Lernen beobachten lässt, ohne jedoch von einem Austausch profitieren zu wollen, dann hat das meist etwas mit Konzentration oder Motivation zu tun.

 

So sind auf der ursprünglichen Spiel-Beobachtungs-Plattform Twitch viele Menschen, denen man beim Lernen zuschauen kann. U.a. deswegen, weil es dazu motiviert, sich endlich selbst hinzusetzen und über einen gewissen Zeitraum zu lernen.

 

Das gleiche Prinzip gilt für Websites wie focus-mate, wo man sich eine:n Partner:in sucht, die ebenfalls eine unliebsame Tätigkeit zu tun hat und man diese dann unter gegenseitiger Beobachtung ausführt.

 

Letztlich erfüllen genau diesen Zweck auch die BibliothekenCafés oder Learning Spaces. Wir wissen nicht, WAS die anderen lernen, nur DASS sie auch lernen. Das reicht vielen schon, um in einen konzentrierten Lernzustand zu kommen.

 

Warum ist das eigentlich so? Gründe für dieses psychologische Phänomen findet man erstaunlicherweise - zumindest nach meiner Recherche - nicht.

 

Warum Learning in Public funktioniert

Nachdem Bert und ich uns intensiv darüber ausgetauscht haben, würde ich aus Sicht der Lernexpertin folgende drei Gründe benennen:

 

Der Horwthorne-Effekt 

spielt sicherlich eine Rolle. Dieser Effekt besagt, dass Menschen ihr natürliches Verhalten (hier: unmotiviert und unkonzentriert sein) verändern, weil sie wissen, dass sie unter Beobachtung stehen. Verursacht vermutlich durch den unbewussten Drang nach sozial erwünschtem Handeln. Alleine das Anders-Verhalten ist hier schon nützlich.

 

Dissoziieren von Unmotiviertheit, Assoziieren in Motivations-Zustand

Das Wissen um die Beobachtung hilft, mich von dem ungünstigen Zustand (Unkonzentriertheit, Unlust) zu dissoziieren und den motivierten Zustand assoziiert erleben zu können - Stichwort: Wechsel von 1. zu 2. Wahrnehmungs-Position. 

 

Der Beobachtungs-Modus verursacht eine moderate Störung

Ist das nicht ein Widerspruch? Nein, das erklärt im Grunde das Phänomen, dass viele Lernende in einer Umgebung, in der sich etwas rührt, wie z.B. in einem Café sich besser konzentrieren können als zu Hause am Schreibtisch. 


Diese moderate Störung (Stimmengemurmel, Rauschen der Kaffeemaschine ...) zwingt den Lernenden dazu, in einen "Downtime" Zustand zu gehen (die Aufmerksamkeit also nicht nach außen, sondern nach innen zu richten). Ohne Öffentlichkeit, wären die Lernenden "uptime", also nach außen gerichtet und für Störungen extrem anfällig.

 

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, welche Arten von "Learning in Public" es überhaupt gibt.

Lernen unter anonymer sozialer Kontrolle

Hier wird das aktuelle Lernprojekt mit Inhalt öffentlich gemacht, wordurch es verbindlicher wird. Indem man andere Personen am eigenen Lernfortschritt teilhaben lässt, fühlen wir uns unter positiver Lern-Kontrolle. 

 

Dieses Teilhaben kann in regelmäßigen Social Media Posts oder in geteilten learning Journals, also Lerntagebüchern stattfinden. Ich probiere das Führen eines  öffentlichen Lerntagebuchs gerade selbst aus und werde berichten, ob und was es mir bringt.

 

Learning Tracker wie scobees oder athenify zeichnen zwar den Lernfortschritt auf, dienen aber aus meiner Sicht eher der Lernbegleitung bzw. der Lernplanung als der Motivation.

 

Das Ziel dieser Form des Learning in Public ist ganz klar die Förderung von Selbstdisziplin. Ganz nach dem Motto: wenn ich überall mein Lernvorhaben herumposaunt habe, kann ich schlecht damit aufhören. 

Lernen in Interaktion mit CoLearners

Bei dieser Lernform erhofft man sich nicht nur ein motiviertes und konzentriertes Lernen, sondern auch Inspiration, Anregung und sogar Feedback von anderen.  Auch hier gibt es verschiedene Formen.

 

Das bekannteste ist wohl LOL: learning out loud (in Anlehnung zu Working out loud):  in kleiner Gruppe von 3-5 Personen trifft man sich regelmäßig (meist 1x wöchentlich für 5-7 Wochen), formuliert Lernziele, macht Lernfortschritte oder "Scheitern" öffentlich. Ein kurzer Austausch oder Tipps der anderen helfen, weiterzukommen.

 

Beim Learnathon setzen sich Lernende (online oder in einem Lernraum) für eine definierte Zeit zusammen, richten den Fokus auf ein gemeinsames learning nugget und kommen so im Wechsel von Einzel- und Team-Lernen immer weiter voran. Dafür braucht man ein gemeinsames Lernthema.

 

Eine beliebte Form der gegenseitigen Lernunterstützung ist der Lern-Buddy. Diese:r ist kein Lern-Profi, kann auch themenfremd sein und hilft durch Zuhören, Unterstützen, Vernetzen oder Tipps. 

 

Beim kollaborativen CoLearning arbeitet eine kleine Gruppe gemeinsam an einem gleichen Thema. Sie treffen sich regelmäßig, teilen sich Inhalte und Aufgaben auf und schlüpfen in unterschiedliche Rollen: Lehrende, Lernende, Übende, Reflektierende und Feedback-Gebende.

 

Diese Form des Lernens probieren Matthias, Heike und ich gerade bei einem gemeinsamen Lernprojekt aus und sind gespannt, wie wir auf diese Weise unsere Lernziele erreichen.

Fazit: Learning in Public ist spannend und kann super helfen!

 Das öffentliche Lernen ist aus meiner Sicht eine clevere Idee, um ...

  • die eigene Motivation und Konzentration zu erhöhen
  • im Austausch neue Erkenntnisse zu gewinnen
  • von anderen zu lernen und Ideen zu bekommen
  • Feedback zu erhalten
  • CoLearning Vorteile zu nutzen (Stoff aufteilen, gemeinsam üben ...). 

Es liegt also viel Chance in "learning in public". Probiere es bei deinem nächsten Lernprojekt doch einfach mal aus und berichte gerne!

 

 

aktualisiert am 3.7.2023 (Gründe für das Funktionieren von Learning in Public)

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