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Lerndesign: Wie die Scrap Learning Quote verringert werden kann

Wir lernen viel zu viel für die Tonne - was man dagegen tun kann
Wir lernen viel zu viel für die Tonne - was man dagegen tun kann

„Ich weiß nahezu gar nichts mehr davon!“ - diese erschreckende Feststellung machte ich in dem LearningCircle, in dem wir (Heike, Matthias und ich) uns selbstorganisiert mit dem Konzept der „Positiven Psychologie“ beschäftigen. 

 

Dabei besuchte ich vor 5 Jahren ein zweitägiges Einführungsseminar bei einem hervorragenden Trainer, das sehr interaktiv, involvierend, selbst erarbeitend und äußerst kurzweilig war. Zudem war es ein Thema das hohe Alltagsrelevanz hat und ich wirklich sehr interessiert war. 

 

Und trotzdem war fast alles aus meinen Gedächtnis getilgt und kam auch nur schemenhaft wieder.

 

Auf der anderen Seite kann ich mich noch ganz genau an viele Mini-Details meiner NLP-Practitioner Ausbildung 1997 erinnern - und das ist 26 Jahre her! Mein damaliger Trainer: Bert Feustel (und heutiger Kompagnon). 

 

Irgendwo gab es bei diesen beiden Trainings einen entscheidenden Unterschied. Darauf kommen wir später zurück. 

Scrap Learning - was ist das?

Nach diesem o.g. Schreckmoment versuchte ich der Lösung auf die Spur zu kommen. Denn meine Überzeugung war bisher: intrinsische Motivation + gute Didaktik + Spaß beim Lernen = Erfolg, d.h. gut verankert und gut umgesetzt im Alltag.

 

Bei meiner Recherche stieß ich schließlich auf den Begriff „Kaltes Lernen“ oder „Scrap Learning“, also dem Lernen für die Mülltonne. Was für ein gruseliger Begriff für einen gruseligen Sachverhalt! So ganz stimme ich dem zwar nicht zu, denn ich bin überzeugt irgendwas bleibt immer hängen, vielleicht offenbart es sich auch erst viele Jahre später. 

 

Ich habe von 40-80%igen Scrap Learning Quoten in verschiedenen Studien gelesen: so viel von dem Gelernten in Seminaren landet in der Tonne, kommt niemals zur Anwendung und wird vergessen. Puh.

 

Scrap Learning ist nichts Neues, bereits seit den 90er Jahren wird dieses Phänomen untersucht und nach Lösungen gesucht, wie das Gelernte im (Arbeits-)Alltag umgesetzt werden kann. 

Wer oder was ist für eine hohe Scrap Learning Quote verantwortlich?

Der wichtigste Faktor für Scrap Learning sind die Lernenden selbst. Dieses Vergessen, Nicht-Anwenden zu verhindern oder, konstruktiv ausgedrückt, den Transfer zu sichern, ist also ein Learning Skill.

 

In zweiter Linie liegt es an der Art des Seminars (Trainer:innen Persönlichkeit, Didaktik, Methoden ...) und erst an dritter Stelle kommt der organisatorischen Rahmen im Alltag (die Anwendung wird verhindert, Strukturen lassen es nicht zu).

 

Eigentlich eine gute Nachricht, denn ich als Lernende habe den größten Einfluss darauf, ob ich das Gelernte umsetze oder nicht. Und als Trainerin oder Learning Facilitator kann ich diese Eigenleistung auch noch fördern.

 

Aber was genau ist zu tun?

Ziele auf hoher Taxonomie-Stufe fördern den Transfer

Wenig überraschend: man sollte mit klaren Zielen ins Seminar gehen. Die Fragen "Was erwarte ich?", "Was möchte ich erreichen?" sind nämlich viel zu ungenau. Sondern viel wichtiger: konkrete Umsetzungsziele formulieren, also auf einer hohen Stufe der Lernziel-Taxonomie. 

 

Vor dem Besuch vor 5 Jahren zur Positiven Psychologie war mein Ziel: das Modell kennen lernen, für mich selbst etwas für den Alltag mitnehmen und vielleicht auch etwas für meine Arbeit als Coach und Trainerin. Wischi waschi also.

 

Erst im LearningCircle habe ich ein für mich sehr wichtiges Umsetzungsziel formuliert: Was von dem Modell kann ich als wertvolle Ergänzung im Kontext Ressourcen-Aktivierung in die Lerncoach-Ausbildung integrieren? Mindestens drei Sachen würde ich gerne finden. Sehr konkret also.

Auf den Zeitpunkt kommt es an: Transfer first!

Zu Beginn einer jeden Lernreise und jedem Training sollte Zeit gegeben werden, um klare Umsetzungs- und Anwendungsziele zu erarbeiten. Steht die Transferphase dementsprechend ganz zu Beginn, hat Scrap Learning schlechte Chancen.

 

Natürlich verändern sich diese Ziele je mehr man an Wissen und Kompetenzen dazulernt, das ist ganz normal und völlig in Ordnung. Auch für diese Anpassung sollte Zeit einkalkuliert werden. 

Ein Beispiel für eine frühe Transfer-Methode

Methodisch habe ich im Kontext „Konzentrationstraining“ folgendes ausprobiert (und Spoiler: für gut befunden 😁):

 

Ich habe die so beliebte 1-2-4-all Methode auf den Kopf gestellt, weil ich ja das Konkrete und Praktische fördern wollte.

  • all - Zuerst wurden im Plenum Ideen gesammelt, wo es Anwendungs- und Umsetzungsmöglichkeiten für neue Konzentrationsmethoden gibt - ohne sie schon zu kennen.
  • 4 - Danach taten sich 4 Personen zusammen und jede:r wählte eine konkrete Situation aus dem Ideen-Pool aus, wo das neu Gelernte über Konzentration zur Anwendung kommen kann. Er / sie beschreibt kurz etwas genauer inwiefern das in dem persönlichen Alltag bedeutsam ist. Z.B. beim schnellen Umschalten von einer Aufgabe zur nächsten oder im Büro mit einem etwas laut telefonierenden Kollegen.
  • 2 - Danach splittet sich die Gruppe in Paare auf und die jeweilige Umsetzungssituation wird weiter verfeinert, indem eine Person mindestens 3 Konkretisierungsfragen stellt, z.B.: Für was genau suchst du eine Lösung? An welcher Stelle brauchst du Handlungsalternativen? Wie würde die Situation ideal ablaufen? Welche Lücke füllt das Neue … (eine Auswahl an Fragen habe ich vorgegeben.)
  • 1- Und schließlich kommt die Einzelarbeitsphase, in der jeder für sich noch einmal genau festhält, wie der konkrete Umsetzungsplan ist. Mit ToDos, Zeitpunkten und Reflexionsschleifen. „Immer dann, wenn Kollege XY laut spricht, und ich eine komplexe Aufgabe erledige, bei der Genauigkeit gefordert ist, wende ich die Konzentrationsmethode an, die sich im Seminar als am vielversprechendsten erweisen wird."

Und dann erst ging es los mit dem eigentlichen Seminar. Die ersten Reaktionen nach 2 Wochen waren durchweg positiv, die Wahrheit wird sich aber erst in 6 Monaten zeigen.

Geht es auch ohne explizite Transferphase zu Beginn? Ja!

Kommen wir noch einmal zu der oben beschriebenen NLP-Ausbildung zurück. Was machte Bert anders als die meisten anderen Trainer:innen, die ich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte erleben durfte?

 

Lapidar ausgedrückt: Er bombadierte uns mit Beispielen - manchmal war es schon fast nervig. Dadurch wurde jedoch jedes Hintergrundwissen, jede Theorie,  jedes Prinzip und jede Technik sofort konkret - und zwar auf vielfältige Art und Weise.

 

Unser Hirn wurde perfekt vorbereitet für die Umsetzung. Und das machte sich bemerkbar - noch Jahre später. Nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Kolleg:innen, mit denen ich z.T. noch heute Kontakt habe.

Fazit: Gegen Scrap Learning hilft:

  • Zeit für Transfer im Seminar geben (oder sich selbst als Lernende) 
  • Auf hoher Taxonomie-Stufe konkrete Lernziele formulieren (mind. Anwendung)
  • Zu Beginn und nicht erst am Ende des Seminars die Transferphase ansetzen (auch hier: selbstverantwortlich vor dem Seminar machen)
  • Vielfältige Beispiele als Trainer:in geben

Wann das berücksichtigt wird, ist die Scrap-Learning-Quote sicher deutlich geringer. Bei 0 wird sie ganz bestimmt nie liegen - braucht sie auch nicht.



Lust auf Learning Facilitation bekommen? Ab Herbst 2023 gibt es eine Seminarreihe dazu 😊

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