Selbstorganisierte Zertifizierungen - was sind sie wert?

   

Als ich zwei Kollegen von der Idee erzählte, dass ich die Zertifizierung bei der Corporate Learning Ausbildung komplett von den Teilnehmenden selbst gestalten lasse, war bei beiden die erste Reaktion: ist die dann überhaupt etwas wert? 

 

Ehrlich gesagt reagierte ein Teil von mir ganz genauso. Unvorstellbar, dass keine allgemein verbindlichen Gütekriterien, Kompetenzanforderungen oder Lernziele definiert werden, anhand derer man dann sagen kann, ob die Teilnehmenden sie erreicht haben und ihr Zertifikat zurecht erhalten - oder eben nicht.

 

Der andere Teil von mir sagte: deine Teilnehmenden sind ohnehin immer so kritisch mit sich selbst, reflektieren sich dauernd und können sehr wohl selbst entscheiden, was sie können, wissen oder umsetzen müssen, um sich als gute Corporate Learning Professionals erleben und bezeichnen zu können. 

 

 

Wie kam es zu der Idee einer selbstorganisierten Zertifizierung? 

Beginnen wir bei ganz grundlegenden Gedanken zu Prüfungen bzw. Zertifizierungen. Ich setze hier im Artikel übrigens Prüfungen und Zertifizierungen gleich, auch wenn sie durchaus als zwei Paar Stiefel gesehen werden können.

 

Meine Sicht als Prüfling: die zwei Seiten einer Prüfungen: 

die erste Seite ist dunkel: sie bedeutet für mich Stress, weil ich mich der Bewertung anderer aussetzen muss und nicht sicher weiß, ob ich das Richtige gut genug gelernt habe. Dazu kommt die Angst zu versagen und die Scham für den Fall, dass ich nicht bestehe. Und die immer wieder kehrende Frage: werde ich dem Prüfungsstress gewachsen sein? (Übrigens sind viele Prüfungen aus meiner Sicht eher ein Stressresistenztest und weniger ein Leistungstest).

 

Die helle Seite gibt es aber auch: Prüfungen sind für mich ein wahrer Lernbooster, denn in der Vorbereitung setze ich mich intensiv mit dem Lernstoff auseinander, ich wiederhole ihn noch einmal auf sehr effektive Weise. Zudem setze ich meist die Einzelteile des Lernstoffs neu zu einem Ganzen zusammen, das mehr als die Summe der Teile ist. Am Ende der Vorbereitung ist das gute, befriedigende Gefühl da, wirklich kompetent zu sein. Und nicht zu vergessen der unbezahlbare Freudentaumel, wenn die Prüfung erfolgreich war.

 

 

Meine Sicht als Trainerin / Ausbilderin: 

Bereits als Mitte-Zwanzig-Jährige, als ich meine NLP-Ausbildungen bei Bert machte, war ich von dem von Bert formulierten Versprechen fasziniert, dass wir aus dem Abschlusstag schlauer herausgehen werden, als wir hineingingen. Dass dies kein Euphemismus war, durfte ich selbst erleben. 

  

Bei meinen eigenen Ausbildungen versuche ich immer die helle Seite strahlen zu lassen und die dunkle Seite gar nicht erst entstehen zu lassen. Das gelingt meist recht gut. Doch obwohl ich niemals das Wort "Prüfung" verwende, sind viele Absolvent:innen super nervös und aufgeregt. 

 

Warum Zertifizierungen oder Prüfungen nicht einfach weglassen?

Darüber habe ich schon ganz oft nachgedacht und mache das aus zwei Gründen nicht.

 

Grund 1: die helle Seite der Prüfungen ist so wertvoll, dass ich sie meinen Teilnehmenden nicht vorenthalten möchte.

 

Grund 2: Ich finde, ich habe eine gewisse Verantwortung gegenüber den zukünftigen Coachees und Teilnehmenden. Sie haben es verdient, mit geprüft kompetenten und guten Lerncoaches oder eTrainer:innen zusammen zu arbeiten. 

 

Dennoch überlege ich immer wieder, wie man Prüfungen neu denken kann. Dass meine bisherigen Zertifizierungen kein "Vortanzen mit Bewertung" sind, ist eh klar. Es ist auch jetzt schon eine Mischung aus vielen kleinen Aufgaben während der gesamten Ausbildung und einer Falldoku oder Live-Demo zum Abschluss.

 

Als ich die Corporate Learning Pro Ausbildung konzipierte, war mir klar, dass ich hier experimentieren und was Neues ausprobieren kann. 

 

  

Gute Gründe für eine selbstorganisierte Zertfizierung

Schon immer war auffällig: die Absolvent:innen der Lerncoach- oder eTraining-Ausbildungen sind sehr kritisch mit sich. Ich kann sagen: die strengsten Prüfer:innen sind sie immer selbst. Ich ging davon aus, dass das bei der Zielgruppe des CLP-Seminars ebenso sein wird. 

 

Ich erwartete bei dieser Ausbildung sehr eigenmotivierte, reflektierte, anspruchsvolle, zielorientierte und reife Lernpersönlichkeiten. (kurzer Einschub für die Kundigen der Graves Level: viel gelb, GT.) Daher wagte ich den Versuch der selbstorganisierten Zertifizierung - bei anderen Themen wäre das sicher anders.

 

Neben der Annahme, dass die Lernenden reif dafür sind, dachte ich, dass ja jede:r mit individuellen Zielen ins Seminar kommt. Wie kann ich da für alle die gleichen Zertifizierungs-Kriterien formulieren?

 

  

Der Ablauf der selbstorganisierten Zertifizierung:

Die Seminarteilnehmenden bekamen die Aufgabe, entweder alleine oder zu zweit einen Zertifizierungsprozess für sich selbst zu entwickeln. Vorschläge waren:

  • Wissenstest z.B. als Fragebogen
  • die Entwicklung eines eigenen Instrumentes
  • die Bearbeitung einer selbst formulierten Fallarbeit,
  • die konkrete Umsetzung eines Themas

Das Kriterium für einen erfolgreichen Prozess war: Die Teilnehmenden können sagen: "dadurch habe ich bewiesen, dass ich die Inhalte verstanden habe, sie nutzen und bei Kund:innen professionell umsetzen kann".

 

Wer bewertet die selbstentwickelte Zertifizierung?

Zuerst dachte ich: ich. Doch beim zweiten Nachdenken entschied ich den "Hardcore"-Weg zu gehen: die Teilnehmenden selbst entscheiden, wann ihnen das Zertifikat gebührt. Ich als Trainerin kann das Ergebnis sehen, muss aber nicht. Nur wenn es gewünscht ist, gebe ich ein Feedback. 

 

So erreichte mich 1-4 Wochen nach Abschluss der Ausbildung immer wieder die Nachricht: "ich habe bestanden" - und dann schickte ich das Zertifikat los. Bei den meisten habe ich das Ergebnis sehen dürfen und kann sagen: das war alles richtig gut! 

  

  

Was ist die Herausforderung für uns Trainer:innen?

Ich muss gestehen: es fiel mir nicht ganz leicht, die Kontrolle abzugeben und voll darauf zu vertrauen, dass meine Teilnehmenden das gut machen werden. Das komplette Übertragen der Verantwortung war eine echte Überwindung. Ich bin jetzt jedoch sehr froh, dass ich das gemacht habe.

 

 

Würde ich es wieder tun? 

Ja. :-)

 

 

Welche Fragen / Überlegungen sind noch offen?

  • Kann der Ablauf noch besser strukturiert werden bzw. eine Checkliste dazu erstellt werden? Ist das notwendig? Wenn ja, wie kann das aussehen?
  • Soll das Ergebnis immer an mich geschickt werden? Aus Verantwortungsgründen/ Sorgfaltspflicht?
  • Braucht es ein Feedback von mir? V.a. aus Teilnehmenden-Sicht, als Check, ob man “richtig” lag? Oder soll es ein obligatorisches Feedback untereinander geben? 
  • Was brauche ich als Trainerin / Ausbilderin, damit es mir damit gut geht? Welche Haltung, welches Menschenbild ist Voraussetzung?
  • Was sagen künftige Kunden/ Klientinnen der Absolvent:innen zu dieser Zertifizierung?
  • Wo bekomme ich Forschungsergebnisse dazu her oder Erfahrungswerte anderer, die das schon gemacht haben? Denn meine Recherche dazu ergab kein Ergebnis. Dabei bin ich ganz sicher, dass ich nicht die erste bin, die so etwas gemacht hat.

 

Zu diesen und anderen Fragen würde ich mich gerne mit anderen Interessierten austauschen und veranstalte dazu Online-MeetUps.


 

MeetUp 1 zu selbstorganisierten Zertifizierungen / Prüfungen

ich lade dich zu einem Austausch auf Augenhöhe zu diesem Thema ein, egal ob du bereits Erfahrung damit hast, oder nicht. Ich freue mich sehr auf eine anregende Diskussion.

 

Termin 1: 11.08.22, 17-18 Uhr

 

Der Austausch findet im Zoom-Room statt, bitte hier registrieren:

https://us06web.zoom.us/meeting/register/tZcpcumrqz0oHdJvC_bviBzzX3XTOsBNt4cz 


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Kommentare: 2
  • #1

    Ulrike Weindel (Samstag, 06 August 2022 12:10)

    Liebe Iris,
    ich danke dir sehr, dass du mir die Chance zum " Selbst-zertifizieren" gegeben hast. Ich famd es sehr spannend, mich in diesem Prozess wahrzunehmen. Aus Sicht als Teilnehmerin kann ich sagen, dass mir das Vertrauen in mich sehr bewusst war. Allein das war schon ein riesen Motivationsschub auch ein gehaltvolles Ergebnis zu präsentieren. Ich glaube auch, dass diese Form der Zertifizierung bei "gelben" Menschen ( nach dem Graves Modell) sehr passend ist.
    Liebe Grüße
    Uli

  • #2

    Iris Komarek (Sonntag, 07 August 2022 09:00)

    @Uli - vielen Dank für die positive Rückmeldung. Es freut mich sehr, dass dieses Vorgehen das Vertrauen in die Lernenden unterstreicht und so auch ankommt. Die spannende Frage wäre nun: ginge das bei den Blauen, den Orangen und den Grünen auch? Ich habe da eine Vermutung bei wem es geht noch gut geht und wem gar nicht - du auch :-D?